Nachdem wir uns ja vor einigen Monaten bereits etwas kritisch mit bestimmten Sendeformaten auseinandergesetzt haben, die vor allem die privaten Fernsehsender bevorzugt zur Prime Time ihren Zuschauern antun, geht es auch diesmal wieder um die televisionäre Vergewaltigung, die man allwöchentlich durchmachen muss. Früher war’s ärgerlich, wenn plötzlich das Fernsehen ausfiel, inzwischen ist man froh, wenn mal für das ein oder andere Stündchen einfach nur ein Testbild ausgestrahlt wird.
Denn wie sagte schon unsere Familienministerin Ursula von der Leyen: "Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht". So... und jetzt raten Sie doch einfach mal, wo die Gebärmaschine der Nation das abgesondert hat - genau, im Fernsehen nämlich. Um genauer zu sein in der ZDF-Sendung „Berlin Mitte“. Sollten Sie jetzt angesichts einer solch plumpen Verallgemeinerung empört sein, dann kann ich Sie beruhigen - wir wissen nämlich doch auch alle, dass Politik korrumpiert, Machtgeilheit hervorruft, Schwachsinn verursacht und kleine Titten macht... Schweißfüsse bekommt man, glaub ich auch. Und wenn ich ganz ehrlich bin, so daneben liegt Urselchen eigentlich nicht... nachdem ich mir eine Folge „Berlin Mitte“ angeschaut habe, fühle ich mich auch oft traurig und gewalttätig, was aber zugegebenermaßen weniger am Fernsehen im Allgemeinen liegt, sondern mehr an den Lippenbekenntnissen diverser Politiker, die einem in solchen Sendungen die Bären gleich käfigweise auf den Rücken binden. "Dick, dumm, traurig und gewalttätig" klingt für mich übrigens ziemlich nach World of Warcraft... aber egal... zurück zum eigentlichen Thema. Was hat uns 2007 nicht alles Tolles an TV-Sendungen gebracht – man weiß eigentlich gar nicht so richtig wo man anfangen soll. Unvergessen sind natürlich "Entern oder Kentern" und "Survivor" (wir berichteten: http://ipwnu.de/kentern/01.html). Bei einem solchen Überangebot von Brunzblöd-Formaten gingen einige Perlen wie „Das große Promi-Pilgern“ leider unter und wurden vom Publikum ungerechtfertigterweise verschmäht. Promi-Pilgern, nicht Promi-Pimpern, da hätte man zur Not ja noch eingeschaltet. Aber Promi-Pilgern... ich lach mich schlapp... ganz ehrlich, schauen Sie sich die bekloppten F-Promis doch an, die da mitgemacht haben. Die will doch noch nicht mal einer sehen, wenn sie ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen... wie Pro 7 auf die Idee kam, dass diese Schar der Medientoten (oder Medienuntoten - irgendwie tauchen sie dann doch irgendwo wieder auf) dadurch interessanter wird, dass sie mal 15 Meter zu Fuß gehen, ist reichlich schwer nachzuvollziehen... aber wer weiß schon, wie's bei Pro7 in der Redaktion zugeht – nach drei Nasen Kokain und zehn Vodka-Red Bull mag das schon anders aussehen.

Eigentlich das Noro-Virus in Sachen medialer Dünnpfiff ist ja Galileo. Apropos Brechdurchfall, ging Ihnen das diesen Winter auch so, dass ihre Freunde plötzlich alle das Noro-Virus hatten? Die ersten paar Wochen wusste ich nicht mal, was genau das eigentlich ist. Immer wenn mir einer meiner Bekannten erzählte er habe das Noro-Virus und könne deshalb einen bestimmten Termin nicht wahrnehmen, hab ich Betroffenheit geheuchelt. Hätte ich gewusst, dass der- oder diejenige einfach vom Pott nicht mehr runterkommt, weil die Pupe gerade Tag der offenen Tür hat, hätte ich doch ein paar Fäkalienwitze zum Besten gegeben. Tja, hatte man früher noch die Scheißerei, so hat man heute halt das Noro-Virus...
Aber zurück zu Galileo, seines Zeichens das „Wissensmagazin“ für die Bildzeitungsleser unter den Klugscheißern. Ja, kein verfrühter April-Scherz – Pro7 brüstet sich wirklich damit, dass dieses Format Wissen vermittle. „Top 7 Recycling, Rasterfahndung auf der Autobahn, Wettessen, XXL Panzer fahren“ – die Themen der Sendung vom 4. Januar 2008 klingen eigentlich ja auch irgendwie schon wie der Titel einer Doktorarbeit. Es steht zu befürchten, dass in zwanzig Jahren die richtige Beantwortung der Frage, ob man in 24 Stunden das größte Stück Pflaumenkuchen der Welt backen kann (Galileo 4. Oktober 2007), tatsächlich fester Bestandteil des Einstellungsgesprächs bei diversen Firmen sein dürfte.
Ein echtes Highlight des letzten Jahres war „Popstars on Stage“ oder wie wir es auch gerne nennen: der große Heulsusen-Marathon 2007. Noch nie wurde soviel geschluchzt, geheult, geschnieft und gerotzt, wie in der neusten Ausgabe von Ficksterne. Erwachsene... na ja, zumindest so halbwegs erwachsene Männer brachen da hemmungslos in Tränen aus, weil sie nun eine Runde weiter waren, weil sie gerade ausgeschieden waren, weil gerade ein Mitbewerber ausgeschieden war, weil gerade ein Mitbewerber weitergekommen war oder weil ihnen gerade der Streifen Zahnpasta von der Bürste gefallen war. Das sind wahre Emotionen – das will das Publikum sehen!
Aber dazu später mehr. Zuerst einmal die Fakten. Man suchte diesmal nicht einfach nur eine Band, die aus Mitgliedern zusammengesetzt ist, deren Intellekt sich umgekehrt proportional zu ihrer Körbchengröße verhält und, die man daher hemmungslos finanziell ausbeuten kann – nein, man suchte diesmal „Deutschlands heißesten Live-Act“. Und das ist dann auch die Rechtfertigung dafür, dass wir uns diesmal nicht nur das Gekreische und Gequietsche von irgendwelchen Stimmbandautisten antun mussten, sondern auch noch das unkoordinierte Rumgehopse und Gezappel von offensichtlich motorisch gestörten Jugendlichen, die die meisten Ärzte einfach mit ein paar Pillen, nach Diagnose von ADS, ruhigstellen würden. Will heißen – es wurden diesmal nicht nur Sänger sondern auch Tänzer gesucht.
Kluger Schachzug der Macher von „Popstars“, denn entsprechend groß war diesmal natürlich auch das Kontingent an Kandidaten, die die Vorrunden überstanden und entsprechend länger war natürlich auch die Sendezeit, die man für diesen Mist verbraten konnte. Auf die Vorrunden will ich gar nicht erst eingehen, die waren halt die übliche Menschenverachtung, die man von einem solchen Sendeformat erwartet – Vieles was man da hörte ähnelte dem, was sonst nur nachts an meine Ohren dringt, wenn sich irgendwelche rolligen Kater auf der Straße vor meiner Tür gegenseitig böse Verletzungen zufügen. Schon im Vorfeld wurden also die ganzen Gesichtsbaracken aussortiert, selbst wenn sie Talent hatten, aber schließlich sucht man ja „Deutschlands heißesten Live-Act“ und da passen Menschen mit unterdurchschnittlich gutem Aussehen natürlich nicht rein. Bloß gut für den Großteil der Jury, dass die sich nicht auch einem ähnlich oberflächlichen Verfahren qualifizieren mussten.
Übrig blieb dann die, diesmal ungewöhnlich große Horde, von Kandidaten, von denen viele zwar aussahen, als seien es Clerasiltestgelände, bei denen man aber zumindest keine Angst bekommt, sollte man ihnen im Dunklen begegnen.

Die Jury bei „Popstars“ war, das muss man zugeben, nicht wirklich das Schlimmste, was man letztes Jahr in Castingshows anschauen und anhören musste. Wie immer mit dabei Detlef D! Soost. Diesmal mit den Blödmannsgehilfen Dieter Falk, Nina Hagen, Jane Comerford und Marusha. Zugegebenermaßen zwar ein ganz schönes Kabinett des Schreckens, was Pro7 da zusammengetrommelt hatte, da man ja aber bereits ein paar Wochen zuvor das Trio Infernale bestehend aus Dieter Bohlen, Anja Lukaseder und Heinz Henn beim Ballermann-Casting DSDS ertragen musste, war man ja inzwischen abgehärtet. „Deutschland sucht den, der Dieter Bohlen am meisten den Arsch leckt“, war nämlich von einem ganz anderen Kaliber. D! hat halt einfach nicht den Idioten-Charm von Dieter Bohlen. Denn wer hat ihn inzwischen nicht liebgewonnen, den Dorftrottel von RTL, der glaubt die Leute würden mit ihm und nicht über ihn lachen. Und man denke nur an das grandiose Ergebnis der letzten Staffel: Marc Medlock! Fantastisch – vom ungelernten Aushilfsjobber zum Millionär hat es unser lauwarmer Freund auf Frankfurt gebracht... das ist doch was. Laut Aussage der offiziellen Website beherrschte Marc den Wettbewerb übrigens souverän – und so gewann er dann auch. Also, jetzt nicht, weil er am meisten Talent hatte, sondern weil bei DSDS das musikalisch hochqualifizierte Publikum bestimmt wer am Ende gewinnt. Und da es dem „Bobbelsche“ nicht zu doof war, in wirklich jeder einzelnen Folge zu betonen, wie schlecht es ihm geht und was für ein hartes Schicksal er hat, haben die ganzen Harz IV-Empfänger, die so ungefähr 90% des RTL-Publikums ausmachen, halt einen der ihren zum Sieger auserkoren. Super, wir gratulieren! Endlich mal jemand, der die Stimme der Proleten dieses Landes spricht und das auch noch in einer Lautstärke, dass diese es verstehen.
Aber zurück zu „Popstars“... ganz ehrlich, was da in insgesamt 28 Folgen (gefühlte 2012... was wohl den Namen der Band erklärt) das Testbild qualitativ unterbot, war einfach zu umfangreich, als dass es an dieser Stelle in aller Ausführlichkeit abgehandelt werden könnte, einige „Highlights“ von „Popstars on Stage“ sollen aber zumindest beispielhaft verdeutlichen, mit was man heute im deutschen Fernsehen davonkommt, ohne dafür vom Volk gesteinigt zu werden.
Und Bei aller Kritik an Detlef D! Soost, auch der beschwerte uns einige Momente, bei denen man nicht so genau wusste, ob man nun laut lachen oder in Embryonalhaltung zusammensacken und leise wimmern sollte. Mal von diversen Heulattacken abgesehen, machte der D! vor allem durch seine Rechenkünste auf sich aufmerksam – so zum Beispiel, als er acht Tänzer auf die bevorstehende Jury-Entscheidung einstimmte:
„Für einige, wenige von Euch, wird dieser Traum weitergehen. Andere von Euch werden heute den harten Aufprall in der Realität wiedererleben.“
Und so sah die Entscheidung dann aus: Sieben Kandidaten blieben drin und einer flog raus... und die sieben, das sind jetzt „die wenigen“, die es in die nächste Runde geschafft haben und der eine, der rausflog ist „die anderen“, oder wie? Ich würde sagen, das rechnen wir doch nochmal nach:
1 > 7 = D!oof
D! hält das übrigens für ganz, ganz wichtig, dass die Kandidaten ihre Auftritte selbst organisieren. Deshalb mussten sowohl Sänger als auch Tänzer in jeweils einer Sendung durch Fußgängerzonen, Kaufhäuser und Bordelle ziehen und Leute so lange belästigen, bis die sich dazu bereit erklärten zum nächsten Auftritt von „Popstars on Stage“ zu kommen. Klar, ist ja auch eine typische Tätigkeit, die man als Popstar so zu tun hat. Wer ist nicht schon einmal von Sting oder Madonna in der Fußgängerzone angesprochen worden, die einem dann einen Flyer in die Hand gedrückt haben, mit der Bitte, man möge doch zu ihrem Konzert kommen...
Ganz klasse ist auch, was man auf den Internetseiten von Popstars als Rechtfertigung dafür anführte, dass Dieter Falk monatelang in die Kamera speicheln durfte:
„Mit dem Kölner Musikproduzenten Dieter Falk gewinnt POPSTARS einen hochkarätigen Experten für die Jury. Fünf Mal war der ausgebildete Pianist als erfolgreichster Produzent für den Echo nominiert. Er erhielt für seine Arbeit über 50 Platin- und Goldene Schallplatten für über 15 Millionen verkaufte Tonträger und hatte nationale Nr.1 und TopTenHits unter anderem mit PUR.“
Ach so! Ja, wenn der mit PUR schon mal einen Top-Ten-Hit hatte, dann muss da ja die Uber-Band rauskommen... Und ich dachte, dass das inzwischen im Grundgesetz geregelt ist, dass das Deutsche Volk vor Textzeilen wie „Wo sind all die Indianer hin“ zu schützen ist. Psst, die Antwort auf diese Frage jetzt nicht dem Dieter Falk verraten, denn der ist nah am Wasser gebaut und, wenn dem einer verrät, dass die meisten Indianer schon vor Jahren aufgrund von Noro-Viren, die die Weißen da gleich kolonienweise eingeschleppt haben, elendig verreckt sind, steht dem gleich wieder das „Pippi in den Augen“. Kein Witz, das ist Originalton Dieter Falk – der hatte nach dem Auftritt eines Tänzers das „Pippi in den Augen“, sprich: er hat weinen müssen. Andererseits... Ich hatte nach den Auftritten der Popstars-Kandidaten öfters mal meinen Mageninhalt im Mund...

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