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Über Killerspiele, Computersucht, Medien und die Verrohung der Gesellschaft - Teil I

So einfach ist die GINAC-User-Welt. Aber sind wir mal ehrlich, was will man eigentlich von Leuten viel erwarten, die sich einer Vereinigung anschließen, die mit ähnlich simplifizierenden Thesen auf sich aufmerksam macht:

Gaming is not a Crime [Auszug aus dem Hintergrund zu GINAC]:

Spielen ist ein menschlicher Urtrieb. Menschen, die spielen, wollen Spaß, Freude und Interaktion - Gewalt im realen Sinn gehört nicht dazu. . . . 'Es wird endlich Zeit, dass Gaming als ganz normales Hobby anerkannt wird', betont Computec-Chef Johannes Sevket Gözalan. "Das Phänomen 'Moorhuhn' hat ja bereits gezeigt, dass Millionen Deutsche dem virtuellen Jagdfieber verfallen können und anschließend trotzdem keinem echten Vogel auch nur eine Feder krümmen.“.

Klar, und Moorhuhn ist ja auch vollkommen inhaltsidentisch mit Spielen wie Postal 2 oder Manhunt... und sowieso hinkt der Vergleich auch überhaupt nicht. Mich zumindest hat der Moorhuhn-Müll ziemlich aggressiv gemacht... zugegebenermaßen richtete sich der Hass da eher gegen die Programmierer dieser totalen Verschwendung von Festplattenspeicher und nicht etwa gegen die Mitmenschen... und vielleicht noch gegen die Nachrichtenredaktion von RTL II, die sich genötigt fühlte stets über die neusten Entwicklungen im Bereich Moorhuhn-Spiel zu unterrichten.

Übrigens, wer jetzt glaubt GINAC sei eine Initiative von Spielern, der denkt sicher auch Postal sei eine naturgetreue Simulation des Arbeitsalltags amerikanischer Briefträger. Also, lieber mal ins Impressum reinschauen – Gründer von GINAC sind nämlich Computec (PC Games, buffed.de, PC Action, Playzone, usw.) und GamersWear (Hersteller und Vertreiber von E-Sports-Bekleidung). Sollte es hier am Ende etwa gar nicht darum gehen, dass Gamer versuchen ihre Rechte zu sichern, sondern, mit der Spieleindustrie verzahnte Unternehmen ihr Geschäft? Aber wo, ich bin mir sicher Computec und GamersWear haben nur das Wohl der Spieler im Sinn... und weil das so ist, haut man auch bei GamersWear das „Gaming is not a Crime“ T-Shirt für schlappe 19.95 € raus. Ja, ja, das ist schon großartig, wie selbstlos man sich hier für die Rechte von Gamern einsetzt. Aber um die Pauschalverurteilung von Spielern (was ja irgendwie Sinn machen würde) geht es der Initiative ja sowieso nicht. Nein, es geht um die pauschale Verurteilung von Spielen, die man ablehnt, wie dem Hintergrund der Website zu entnehmen ist. Semantisch ist das übrigens ungefähr genauso stimmig, wie eine Hose Käsebrot. Zumindest meines Wissens nach hat nämlich bisher noch niemand Tetris für irgendeinen Amoklauf verantwortlich gemacht... aber es gab ja auch noch keinen Fall in dem der Amokläufer seine Opfer mit Bauklötzen erschlagen hat – kann also alles noch kommen.

Und weil die diversen Spielemagazine nicht den ganzen lieben langen Tag über Starcraft 2, World of Warcraft und Crysis berichten können (und die meisten auch sowieso Computec gehören), hat man die Initiative für sich selbst entdeckt und deshalb stellen buffed.de und PC Games jetzt auch immer einen „Gaming is not a Crime“ User das Tages vor. Der wird dann nicht nur mit Bild vorgestellt, sondern darf auch gleich noch das vortragen, was sich am Stammtisch nach 10 Bier und 10 Klaren noch richtig gut und einleuchtend anhörte:

Florian Falk
[Gaming is not a Crime Community Member]
:

Deshalb sage ich: Jugendschutz ja, Indizierung nein. Dieses Verfahren muss umgebaut werden, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sie stark Geschäftsschädigend ist. Zudem ist die Werbung für ein PC-Spiel etwas anderes als die Werbung für einen Porno. Ein PC Spiel kann schließlich auch ohne explizite Gewaltdarstellungen auf der Packung oder in den Medien beworben werden. Das damit auch Jugendliche erreicht werden ist klar. Aber wenn Sie die Spiele nicht kaufen dürfen - was durch entsprechende Kontrolle und Strafe abgesichert werden kann - entsteht dadurch auch kein zusätzlicher Schaden.

Der Florian, da hat er sich aber mal richtig Gedanken gemacht. Jugendschutz hätte er schon ganz gerne, aber wenn’s um Geld geht, da versteht er keinen Spaß. Denn, dass die Spieleindustrie richtig Kohle einfährt, das ist doch allemal wichtiger als die Bälgerbrut, von der es eh nicht mehr genug gibt, dass sie in Zukunft unsere Rente finanzieren könnte. Und sind wir mal ganz ehrlich, bei der niedrigen Geburtenrate in Deutschland hat sich das mit dem Jugendschutz, mangels Nachwuchs, sowieso bald von selbst erledigt. Apropos Jugend... die böse Porno-Industrie, das ist schon höchst unmoralisch, Menschen zu zeigen, die Rammeln, als ob sie die Demographie in Deutschland wieder im Alleingang auf Vordermann bringen wollten. Übrigens, lieber Florian, könnte auch die Pornoindustrie ihre Produkte bewerben, ohne schon auf dem Cover die gepiercte Muschi und die fesselballonartigen Brüste der Hauptdarstellerin abzubilden. Wahrscheinlich könnte man den Fickfilmchen sogar ein wenig Handlung und weniger brunzblöde Namen wie Pimp My Ride And Nail Me Inside verpassen. Und jetzt denk doch einfach mal darüber nach, warum die Pornoindustrie genau das nicht macht?

Aber klar, die Spieleindustrie, die würde sich da sicher gaaaaanz anders verhalten. Denn schließlich kann man Counterstrike ja auch mit Slogans wie „Treten Sie als Mitglied einer Anti-Terroreinheit mit Terroristen in einen offenen Dialog – und umgekehrt!“ bewerben... Und auch bei Manhunt müsste man ja als Feature nicht angeben, dass man Gegner mit Plastiktüten ersticken oder alten Glasscherben erstechen kann, sondern man könnte ja sowas schreiben wie, „Recyceln Sie alten Müll, in dem Sie ihn einem sinnvollen Zweck zuführen“. Und sowieso klingt Manhunt irgendwie dumm und brutal... man könnte das Ganze ja auch Ringelpiez mit Anfassen nennen.

Und wie klasse das im Einzelhandel mit bestimmten Altersfreigaben funktioniert kann man ja bereits jetzt beobachten, zum Beispiel anhand von Zigaretten und Alkohol. Weißt Du, lieber Flo, wo man das noch ganz besonders gut sehen kann? Bei den GINAC-User-Profilen der ganzen 14- und 16-Jährigen wo sich recht häufig der Vermerk findet:

Spieleliste gelöscht, beachtet bitte die Regeln. Admin

Auch immer ganz vorne mit dabei – die E-Sportler und ihre der „Rubel muss rollen“ Argumentation. Wie brabbelte die Gamestar so schön – „Ersetzen Sie für einen Moment »Killerspiel« durch »Fußball« und überlegen Sie, was ein Verbot von Fußball für wirtschaftliche Auswirkungen hätte.“ Gut, nun ist davon auszugehen, dass man mit den jährlichen Einnahmen des E-Sports noch nicht einmal die Schnittchen und Nutten bezahlen könnte, die DFB-Funktionäre für eine einzige ihrer Tagungen benötigen, aber beim Thema Killerspiele ist, wie im Krieg, alles erlaubt. Ebenfalls wie im Krieg gibt es auch hier reichlich Blindgänger – im Krieg sind das nicht funktionierende Granaten, hier eben nicht funktionierende Argumente... in genau diese Kategorie fällt dann auch das Argument vieler E-Sportler man schalte ja sowieso das Blut in Ego-Shootern ab, da das nur störend sei. Wozu aber braucht man dann das Blut überhaupt?

Klasse ist auch wie hier alles einer rein wirtschaftlichen Sichtweise untergeordnet wird, denn wo virtuelles Blut fließt, da fließt auch reales Geld und das ist doch das Wichtigste! Da hat man schon brav die Parolen der Industrie verinnerlicht, denn die bepinkelt sich ja auch ständig im Angedenken an die eigene Wichtigkeit. So auch Jens Hilgers, der Geschäftsführer der GIGA Digital Television GmbH:

Vorschnelle und unüberlegte Sanktionen, wie sie gefordert werden, helfen nicht die Ursache des Problems zu lösen. Im Gegenteil, sie werden zum Verlust von Wachstum und Arbeitsplätzen in einer der innovativsten und am schnellsten wachsenden Branchen führen und wahrscheinlich auch zur Umsiedlung von Unternehmen in andere Länder der EU.

Tja, nun muss ich an dieser Stelle dann doch zugeben, dass auch ich ganz gerne mal den ein oder anderen Zombie, unter Verwendung von reichlich Schwarzpulver, in die Pixelhölle zurückschicke, aus der ID ihn hat hervor kriechen lassen. Deshalb halte auch ich vorschnelle und unüberlegte Sanktionen für ziemlich unangebracht. Wenn ich mir jetzt aber vorstelle, dass solche Sanktionen unter Umständen dazu führen könnten, dass GIGA endlich damit aufhört das Innenleben geschlossener Anstalten im deutschen Fernsehen zu übertragen, könnte ich meine Meinung glatt noch einmal ändern. Sogar das Abwandern in andere Länder der EU wird uns da in Aussicht gestellt. Darf ich Holland vorschlagen? Schließlich hat uns Endemol ja auch jahrelang mit ihren Sendungen belästigt, da könnte man doch jetzt mal mit GIGA zurückschlagen. 

Jens Hilgers [Geschäftsführer, GIGA Digital Television GmbH]:

Wir halten uns bei der Produktentwicklung -- ganz genau wie die gesamte Gaming-Industrie in Deutschland -- strikt an die Vorgaben der USK, BPjM und Landesmedienanstalten, welche sich als funktionierende, anerkannte und in Europa führende Institutionen zum Schutz vor gefährdenden Medieninhalten etabliert haben.

 

Dumm nur, dass die Gaming-Industrie in Deutschland für den Rest der Welt und auch irgendwie für Deutschland selbst ungefähr genauso wichtig ist, wie die Meinung eines in Florida verurteilten Mörders darüber, dass er eher früher als später mit Hilfe der Amerikanischen Regierung und 2000 Volt seinem Schöpfer gegenübertreten soll und dabei riechen wird wie ein gegrilltes Würstchen. Apropos Land des elektrischen Stuhls und der Giftspritze – da kommt ja dann doch die Mehrheit der Spiele her, die sich auf deutschen Festplatten tummelt. Und Staaten, die andere Länder angreifen, nur weil ihr Präsident ein Ei am Wandern hat, die nehmen es dann eben doch nicht ganz so genau mit dem Jugendschutz. Vielleicht kommt das auch daher, dass sich in Amerika inzwischen der Großteil der Bevölkerung vor der, bis an die Zähne bewaffneten Jugend schützen muss... man weiß es nicht.

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