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Amerika hat gewählt...


War das nicht super? Haben Sie auch so mitgefiebert wie ich, ob es der demokratische Heilsbringer Barack Obama schafft über den alten, republikanischen Faltensack McCain zu triumphieren? Ach was frag ich groß – natürlich haben Sie das... war ja auch angesichts der massiven Berichterstattung in dieser Woche kaum zu verhindern. Man denke nur an die grandiose Johannes B. Kerner Sendung vom 4.11., in der man solch ausgewiesene Experten wie Gayle Tufts und John Doyle zu Gast hatte - zwei Comedians, die zwar schon seit Urzeiten nicht mehr in den USA leben, dafür allerdings Witze erzählen, über die bereits die ersten amerikanischen Siedler vor vierhundert Jahren gelacht haben. Zwischendurch durfte dann auch mal der alte Kriegsverbrecher Kissinger seinen Senf dazugeben, ei – was war das lustig. Sozusagen der Unmensch Kissinger im Gespräch mit dem Elfantenmensch Kerner! Ich hab die ganze Sendung über nur gedacht: „Wann fangen die endlich an zu kochen?“.
Überhaupt zerrte man dieser Tage alles an C-Prominenz vor die Kamera, was mal ein Semester in Amerika studiert hatte oder schon mal bei Burger King essen war, um auch aus der letzten personifizierten Politik-Impotenz noch ein Statement rauszuquetschen.
Die gestrige Runde bei Berlin Mitte hat zumindest mir dann den Rest gegeben. Zu Gast waren Thomas „Wetten, dass man auch mit beschissener Frise und ohne jegliches Modebewusstsein in Deutschland Moderator werden kann“ Gottschalk, Hans-Dietrich Genscher - Kohl-Mans sympathischer Sidekick -, Lucas Prost - irgendein glattgelutschtes Juso-Zäpfchen -, Jürgen Todenhöfer - Europas schlechtes Gewissen - und Heather DeLise, eine US-Journalistin, die den Totalausfall Sarah Pallin gut findet, weil die konservative Werte verkörpert, welche auch Leute mögen, die sich im Süden der USA allnächtlich ein Bettlaken überziehen und mit Fackeln durch die Strassen ziehen.
Immer wieder und von allen Seiten hört man dieselben doofen Floskeln, die auch Heather DeLisle, ihrerseits glühende McCain-Anhängering, bereits verinnerlicht hat. Dass McCain verloren habe sei zwar traurig, so DeLisle, jetzt sei es aber wichtig, dass sich das gesamte amerikanische Volk hinter dem neuen Präsidenten Obama versammelt und diesen auch unterstützt. Ah so... klar... kommt Ihnen das bekannt vor? Genau – diese Logiklegasthenie durften wir uns schon während des Irak-Kriegs antun. Da hieß es nämlich auch, dass viele Amerikaner im Vorfeld zwar gegen den Krieg gewesen seien, jetzt wo er halt nun einmal da sei, gelte es jedoch den Präsidenten und die eigenen Truppen zu unterstützen. Das Ergebnis ist bekannt...

Ich will ganz ehrlich sein, ich habe lange Amerikanistik studiert, habe aber den amerikanischen „way of life“ nie ganz begreifen können. Wenn ich jetzt wieder im Fernsehen diese Massen sehe, wie sie sich überschwänglich freuen und „yes we can“ schreien, dann frage ich mich immer wieder, ob sich die Amerikaner einfach nur ihre gesunde, kindliche Naivität bewahrt haben oder ob sie echt so doof sind und glauben, dass „change has come to America“. Die Inszenierung des amerikanischen Wahlkampfs steht für all das, was ich an diesem Land nicht mag. Es geht nicht um politische Inhalte, es geht um Personen und simple Botschaften, die auch ein Fünfjähriger nachplappern kann. Die Amerikaner finden das klasse, weil es eben eine großartige Show ist, der nächste große Hype. Eine einzige, riesige Wahlparty, von der am nächsten Morgen wenig mehr bleiben wird als ein dicker Kopf. Dabei spielen sich unglaubliche Szenen ab, wie sie so nur in Amerika denkbar sind. Frauen verfallen in Hysterie und reißen sich kreischend die Klamotten vom Leib, wenn der wie ein Popstar verehrte Barack Obama einmal mehr seine Anhänger über eine Videoleinwand auf den Wahlkampf einschwört, denn er ist der Hoffnungsträger des neuen Amerika – der erste schwatte Präsident überhaupt. Und jetzt schauen Sie sich an, wie langweilig wir hier in Deutschland sind. Als Angela Merkel zur ersten Bundeskanzlerin der BRD gewählt wurde, haben Sie da irgendwelche Männer gesehen, die sich laut johlend die Klamotten vom Leib gerissen haben?

Und weil wir das eben in Deutschland nicht haben, wollten uns sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Fernsehsender mal eine Freude machen. Die wollten uns so richtig auf den amerikanischen Wahlkampf einstimmen und haben deshalb ein dermaßen spektakuläres Tätärä veranstaltet, dass man vor lauter Wahlberichterstattung gar nicht mehr dazu kam Die Super Nanny und Raus aus den Schulden zu gucken. Denn auch wir Deutschen feiern im Grunde ja ganz gerne, nur eben nicht unbedingt, wenn Wahlen anstehen... das hat maßgeblich damit zu tun, dass Sie heute wählen können, was sie wollen, am Ende aber sowieso immer irgendein graumeliertes Nadelstreifen-Experiment vor Ihnen steht und Ihnen erzählt, dass die Steuern erhöht werden müssen. Und damit wir diese negative Einstellung endlich mal ablegen, haben uns die Medien Anfang dieser Woche gezeigt, dass Wahlkampf auch wie Karneval sein kann. Im November wird gefeiert und in zwei Monaten zieht der neue Präsident ins weiße Haus ein. Tja, das kennen wir Deutschen vom Fasching: Im November wird gefeiert und zwei Monate danach zieht irgendeine Frau bei dir ein, weil sie angeblich von dir schwanger ist.


Noch viel besser als die Wahlen selbst waren aber die erlauchten Expertenrunden, die sich in irgendwelchen Talkshows zusammenfanden und dann einen Blödsinn verzapften, der weit über das hinausging, was ein gesundes menschliches Hirn ertragen kann ohne sich zu wünschen, die alten Thrombosestelzen würden endlich mal eine Embolie nach oben schicken, damit das Trauerspiel ein Ende hat . Vom „American Dream“ war da oft die Rede und wie Obama diesen verkörpere. Ja, sicher doch – der „American Dream“... was war das noch mal... ein doppelter BigMac, zwei Liter Cola und ’ne große Pommes? Den amerikanischen Traum, den hat der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald schon in den 1920ern in seinem beeindruckenden Roman The Great Gatsby begraben und nach meinem Dafürhalten ist der bis heute nie wieder auferstanden. Der „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Mythos, der heute zum Synonym des amerikanischen Traumes geworden ist, war ursprünglich nur ein kleiner Teil des Ganzen, viel wichtiger aber waren Integrität, Aufrichtigkeit, Rückgrat und charakterliche Stärke. Es ging in erster Linie darum für das einzustehen, was man verkörpert – eben genauso wie Gatsby dies am Ende von Fitzgeralds Roman tut. Zum amerikanischen Gentleman wird man nicht durch Worte, sondern durch Taten. Nun will ich Obama gar nicht absprechen, dass er vordergründig den amerikanischen Traum repräsentiert. Doch machen wir uns nichts vor, Barrack Obama ist ein Berufspolitiker und dass Politiker für ein bisschen Macht ganz gerne mal ihren Erstgeborenen dem Teufel vermachen, ist ja hinlänglich bekannt. Es würde mich wundern, wenn das beim ehrgeizigen Obi hier anders sein sollte.

Und wen haben die Republikaner Obama entgegengesetzt? John McCain, den Jopi Heesters der amerikanischen Polit-Szene... wie will man denn da bitte schön eine Wahl gewinnen? Nein, da hätte ein ganz anderer Kandidat hergemusst: Micky Mouse – die ist nämlich auch schwarz-weiß, wie der Obama, und irgendeine Brunzblödfloskel Marke „je höher desto platsch“ hätte man der auch noch gerade beibringen können...

Jetzt ist man weltweit wieder richtig stolz auf die Amerikaner, denn die haben schließlich diesmal in den Augen von uns Europäern vollkommen richtig entschieden und einen jungen, sympathischen Kerl aus Chicago zum Präsidenten gemacht. Dass es unsere Freunde aus dem Land des elektrischen Stuhls und der gigantischen Arschbacken zuvor geschafft hatten zweimal hintereinander Djangos Bandwurm zum mächtigsten Mann der Welt zu wählen, haben wir schon wieder verdrängt. Entschuldigung - ich vergaß, sowas laut auszusprechen ist natürlich mal wieder typisch deutsch und anti-amerikanisch. Hat uns bei „hart aber unnötig, weil dasselbe Thema auch schon am Sonntag bei Anne Will diskutiert wurde“, pardon, „hart aber fair“ ja der Josef Joffe, der Herausgeber der Zeit, erklärt. Lieber Josef Joffe, das ist kein Anti-Amerikanismus, sondern die Realität. In Amerika geht’s nicht darum wer gewählt wird, sondern dass gewählt wird – die große Sause, die zählt.

Wenn aber die konservativen Wirtschaftsbosse und Politiker dieser Welt mal wieder so gar kein vernünftiges Argument in der Hinterhand haben, dann kommt direkt die Anti-Amerikanismus-Armleuchter-Argumentation. Denn konservativen Politikern und Unternehmern ist Amerika natürlich extrem sympathisch – da schuftet der einfache Mann nämlich noch 60 Jahre in drei befristeten Arbeitsverhältnissen zur gleichen Zeit und das auch noch zu einem Hungerlohn. Ein Sozialsystem ist quasi nicht existent, was zur Folge hat, dass man seinen Lebensabend dann auch nett und gemütlich in einem Wohnwagen auf dem Trailerpark neben der örtlichen Müllkippe verbringen darf – das ist der Stoff aus dem FDPler-Träume gemacht sind. Ach so... klar, das wird ja jetzt alles besser unter Barrack, weil selbstverständlich die amerikanische Wirtschaft angesichts der Superkräfte des neuen Präsidenten einen Kniefall machen und sich zu einem sozialeren Staat bekennen wird.

Wer jetzt allerdings freudig in sich hineingrinst und denkt, „ja, ja, die doofen Amis“, dem sei gesagt, dass die Verblödung zwar in Nordamerika anfangen mag, jedoch nicht an den Landesgrenzen haltmacht. Denn auch bei uns sinkt die Wahlbeteilung. Auch bei uns glauben inzwischen viele, der Bundestag sei ein Feiertag. An welchem Datum der genau stattfindet weiß man zwar nicht, das macht aber nix, da man’s von Weinachten ja auch nicht weiß – also, was soll’s? Auch wir ergötzen uns zunehmend an irgendwelchen Fernsehduellen, in denen uns dann zwei Kanzlerkandidaten komplexe Steuer- und Rentenmodelle erklären und uns auch so das ein oder andere Vorhaben aus dem Parteiprogramm mitteilen. Unsere Entscheidung darüber, wer als Sieger aus dem Duell hervorgeht, machen wir aber selbstverständlich davon abhängig, von welchem Kandidaten uns die Frisur oder das Jackett besser gefallen hat.
Ich gebe den USA noch zwanzig bis dreißig Jahre, dann machen die Kandidaten dort die Präsidentschaft unter sich im Boxring aus – live in den Medien übertragen selbstverständlich. Weil man in Europa den Amerikanern zwar alles nachmachen, dabei aber immer ein bisschen seriöser rüberkommen will, wird’s bei uns dann wahrscheinlich eine Partie Mau Mau werden oder sowas in der Art.